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Prähabilitation

Prähabilitation bezeichnet in der Kardiologie (und allgemein in der Medizin) ein relativ neues, zunehmend wichtiges Konzept:
Es handelt sich um gezielte Maßnahmen zur Verbesserung des Gesundheitszustands vor einer medizinischen Intervention – etwa vor einer Herzoperation oder einem kathetergestützten Eingriff. Einen Beitrag zu diesem wissenschaftlich noch nicht gut begründeten Thema im Deutschen Ärzteblatt finden Sie hier…


1. Grundprinzip

Während die klassische Rehabilitation nach einer Erkrankung oder Operation ansetzt, verfolgt Prähabilitation einen anderen Ansatz:

„Den Patienten vor der Belastung stärker machen“

Ziel ist es, die körperliche und funktionelle Reserve zu erhöhen, sodass:

  • Eingriffe besser toleriert werden
  • Komplikationen reduziert werden
  • die Erholung schneller verläuft

2. Inhalte der Prähabilitation

Prähabilitation ist multimodal, also aus mehreren Komponenten zusammengesetzt:

(a) Körperliches Training

  • Ausdauertraining (z. B. Gehen, Fahrrad)
  • Krafttraining
  • Atemtraining (besonders relevant vor Herz- oder Thoraxchirurgie)

👉 Ziel: Verbesserung der kardiopulmonalen Leistungsfähigkeit


(b) Optimierung von Risikofaktoren

  • Blutdruckeinstellung
  • Blutzuckerkontrolle
  • Lipidsenkung
  • Rauchstopp

👉 häufig in Bezug auf Erkrankungen wie Koronare Herzkrankheit


(c) Ernährung

  • Verbesserung des Ernährungsstatus
  • Vermeidung von Mangelernährung
  • ggf. Gewichtsreduktion

(d) Psychologische Vorbereitung

  • Angstreduktion vor Eingriffen
  • Förderung von Compliance
  • Stressbewältigung

(e) Medikamentöse Optimierung

  • Anpassung bestehender Therapie
  • leitliniengerechte Einstellung

3. Bedeutung in der Kardiologie

Prähabilitation gewinnt insbesondere bei folgenden Situationen an Bedeutung:

(a) Vor Herzoperationen

  • Bypass-Operation (CABG)
  • Herzklappenchirurgie

👉 Ziel:

  • Reduktion postoperativer Komplikationen
  • kürzere Intensiv- und Krankenhausaufenthalte

(b) Vor interventionellen Eingriffen

  • z. B. TAVI oder komplexe Katheterverfahren

👉 besonders relevant bei:

  • älteren Patienten
  • multimorbiden Patienten

(c) Bei Herzinsuffizienz

  • Stabilisierung vor geplanten Eingriffen
  • Verbesserung der Belastbarkeit

4. Evidenzlage

Die Studienlage zeigt:

  • Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit
  • Reduktion von:
    • Komplikationen
    • Krankenhausverweildauer
  • teilweise bessere Überlebensraten

👉 Allerdings:

  • noch heterogene Studien
  • keine vollständige Standardisierung

5. Abgrenzung zur Rehabilitation

MerkmalPrähabilitationRehabilitation
Zeitpunktvor Eingriffnach Ereignis
ZielVorbereitungWiederherstellung
FokusRisikoreduktionFunktionsgewinn

👉 Beide Konzepte ergänzen sich – sie sind keine Alternativen.


6. Rolle im deutschen Gesundheitssystem

Hier zeigt sich ein typisches Muster:

(a) Rehabilitation: gut etabliert

  • fest im Versorgungssystem verankert
  • klare Finanzierung

(b) Prähabilitation: noch im Aufbau

  • keine flächendeckende Struktur
  • oft projektbasiert
  • begrenzte Erstattung

👉 Ergebnis:
Prähabilitation wird noch nicht systematisch genutzt, obwohl der Nutzen plausibel ist.


7. Gesundheitspolitische Einordnung

Prähabilitation passt exakt zu den großen Trends:

  • Präventionsorientierung
  • Individualisierung der Therapie
  • Reduktion von Komplikationen und Kosten

👉 Problem:
Das System ist weiterhin stärker auf Behandlung statt Vorbereitung ausgerichtet.


8. Kritische Bewertung

Stärken

  • logischer und evidenzbasierter Ansatz
  • besonders sinnvoll bei Hochrisikopatienten
  • potenziell sehr kosteneffizient

Schwächen

  • organisatorisch aufwendig
  • erfordert interdisziplinäre Zusammenarbeit
  • aktuell fehlende Standardisierung

Fazit

Prähabilitation ist ein präventiv orientiertes Bindeglied zwischen Diagnostik und Therapie:

→ Sie verschiebt den Fokus der Medizin
von der reinen Reaktion auf Krankheit hin zur aktiven Vorbereitung auf invasive Belastung.

In der deutschen Kardiologie stellt Prähabilitation ein wachsendes, aber noch nicht ausgeschöpftes Potenzial dar – insbesondere im Kontext älter werdender und multimorbider Patienten.