Wo stehen wir 2036?
1. Strukturelle Entwicklung der Herzgruppen in Deutschland
Herzgruppen sind derzeit meist angebunden an:
- Sportvereine (Rehabilitationssport nach § 64 SGB IX)
- Niedergelassene Kardiologen
- Rehabilitationskliniken
- Lokale Selbsthilfeorganisationen
Eine wichtige Rolle spielt die Deutsche Herzstiftung, die Aufklärung, Patienteninformation und Präventionsprogramme fördert.
In 10 Jahren können wir erwarten:
- verbindliche digitale Dokumentation von Trainings- und Risikodaten
- stärkere Integration in Disease-Management-Programme (DMP KHK, DMP Herzinsuffizienz)
- stärkere Qualitätskontrolle durch Zertifizierungssysteme
- Ausbau telemedizinischer Begleitung durch kardiologische Schwerpunktpraxen
Die klassische „Turnhallen-Herzgruppe“ wird nicht verschwinden – aber sie wird allein nicht mehr ausreichen.
2. Digitalisierung im deutschen Kontext
Deutschland war bisher im internationalen Vergleich zurückhaltend bei der Digitalisierung. Mit der elektronischen Patientenakte (ePA) und zunehmender telemedizinischer Vergütung wird sich das ändern.
Bis 2036 werden Herzgruppen voraussichtlich:
- Trainingsdaten automatisiert in die ePA einspeisen
- Heimmonitoring bei Herzinsuffizienz standardisiert einsetzen
- digitale Schulungsmodule anbieten (z.B. Lipidmanagement, Blutdruckselbstmessung)
- KI-gestützte Frühwarnsysteme nutzen
Hier wird die Kooperation mit wissenschaftlichen Fachgesellschaften wie der Deutsche Gesellschaft für Kardiologie entscheidend sein.
Meine Einschätzung:
Die Digitalisierung wird kommen – aber sie wird in Deutschland regulatorisch stärker kontrolliert und datenschutzrechtlich sensibler umgesetzt als in den USA oder Skandinavien.
3. Herzinsuffizienz als dominierendes Versorgungsfeld
Die demografische Entwicklung Deutschlands führt zu einer deutlichen Zunahme der Herzinsuffizienz. Bereits heute ist sie einer der häufigsten Hospitalisierungsgründe.
Studien wie EMPEROR-Reduced haben therapeutische Standards verschoben. In 10 Jahren werden Herzgruppen:
- Medikamentenmanagement aktiv begleiten
- Gewichtskontrolle digital erfassen
- Frühzeichen von Dekompensation überwachen
- interdisziplinäre Betreuung (Kardiologie, Nephrologie, Diabetologie) koordinieren
Ich erwarte, dass spezialisierte Herzinsuffizienz-Gruppen entstehen, nicht nur allgemeine Herzsportgruppen.
4. Psychokardiologie und gesellschaftlicher Stress
Deutschland erlebt:
- steigende Prävalenz von Depression
- chronische Stressbelastung
- zunehmende soziale Isolation älterer Menschen
Herzgruppen werden deshalb mehr als Trainingsstätten sein – sie werden soziale Schutzräume.
Bis 2036 halte ich für wahrscheinlich:
- standardisierte psychologische Screenings
- Kooperation mit Psychotherapeuten
- strukturierte Stressinterventionsprogramme
- Einbindung von Angehörigen
Die reine körperliche Leistungssteigerung wird nicht mehr im Zentrum stehen – sondern Resilienz und Lebensqualität.
5. Finanzierungs- und Vergütungsmodelle
Hier sehe ich die größte Herausforderung.
Derzeit basiert vieles auf:
- ärztlicher Verordnung von Rehasport
- zeitlich begrenzter Kostenübernahme durch Krankenkassen
- ehrenamtlichem Engagement
Wenn keine Reform erfolgt, wird das System an seine Grenzen stoßen.
Notwendig wären:
- langfristige Vergütung chronischer Präventionsprogramme
- Bonusmodelle für nachweisliche Risikoreduktion
- stärkere Einbindung der gesetzlichen Krankenkassen in Outcome-basierte Modelle
Ohne strukturelle Finanzierung droht eine Überalterung der Herzgruppen – sowohl der Teilnehmer als auch der leitenden Strukturen.
6. Regionale Disparitäten
Deutschland weist starke Unterschiede auf:
- Ländliche Regionen mit Versorgungsdefiziten
- Ballungsräume mit hoher Spezialisierung
Herzgruppen könnten in strukturschwachen Regionen eine zentrale Rolle übernehmen – insbesondere bei:
- Blutdruckkontrolle
- Lipidmanagement
- Tabakentwöhnung
- Adipositasprävention
Hier sehe ich großes Potential – aber auch politischen Handlungsbedarf.
Prognose 2036 für deutsche Herzgruppen
Deutsche Herzgruppen werden:
- stärker medizinisch professionalisiert
- digital angebunden
- differenziert nach Risikoprofilen
- psychokardiologisch erweitert
- interdisziplinär organisiert
- stärker qualitätskontrolliert
Wenn Reformen ausbleiben, werden sie jedoch sein:
- überaltert
- strukturell unterfinanziert
- organisatorisch fragmentiert
Die klare Position für 2036
- Deutschland hat die Chance, Herzgruppen zu einem tragenden Pfeiler der chronischen Herz-Kreislauf-Versorgung auszubauen.
- Angesichts steigender Prävalenzen von Herzinsuffizienz, Diabetes und Adipositas wäre es gesundheitspolitisch fahrlässig, dieses niedrigschwellige Versorgungsinstrument nicht strategisch weiterzuentwickeln.
- Herzgruppen könnten – bei richtiger Strukturierung – ein Modell für integrierte, präventionsorientierte Medizin werden.