Szenarien: Wir unterscheiden drei realistische Entwicklungspfade:
- Transformationsszenario,
- Stagnationsszenario und
- Krisenszenario.
Grundlage sind demografische Trends, gesundheitspolitische Rahmenbedingungen, Digitalisierungsgeschwindigkeit und Versorgungsrealität in Deutschland.
1. Transformationsszenario (Erneuerungspfad)
Grundannahme
Gesundheitspolitik erkennt Herzgruppen als strategisches Instrument der Sekundär- und Tertiärprävention an und integriert sie strukturell in die Regelversorgung.
Strukturelle Entwicklung
- Vollständige digitale Anbindung an die elektronische Patientenakte
- Standardisierte Qualitätssicherung in Kooperation mit der Deutsche Gesellschaft für Kardiologie
- Nationale Präventionsstrategie mit aktiver Einbindung der Deutsche Herzstiftung
- Outcome-basierte Vergütung durch gesetzliche Krankenkassen
Medizinische Ausrichtung
- Spezialisierte Herzinsuffizienz-Programme
- KI-gestützte Dekompensationsprognosen
- Polygenetische Risikostratifizierung
- Standardisierte psychokardiologische Module
Auswirkungen
- Reduktion vermeidbarer Rehospitalisierungen
- Verbesserte Medikamentenadhärenz
- Nachweisbare Senkung kardiovaskulärer Mortalität
- Entlastung stationärer Versorgung
Bewertung
Dieses Szenario wäre medizinisch und volkswirtschaftlich hoch sinnvoll.
Es setzt jedoch politischen Willen, Investitionen und sektorübergreifende Kooperation voraus.
Ich halte dieses Szenario für möglich – aber nur bei aktiver Reformpolitik.
2. Stagnationsszenario (Status-quo-Fortschreibung)
Grundannahme
Es erfolgen punktuelle Verbesserungen, aber keine strukturelle Neuausrichtung.
Strukturelle Entwicklung
- Herzgruppen bleiben überwiegend sportorientiert
- Digitalisierung erfolgt heterogen und freiwillig
- Finanzierung bleibt zeitlich begrenzt
- Ehrenamtliche Strukturen dominieren weiterhin
Medizinische Ausrichtung
- Keine differenzierte Spezialisierung
- Unzureichende Integration von Herzinsuffizienz-Management
- Psychokardiologie bleibt Randthema
- Kaum systematische Outcome-Erhebung
Auswirkungen
- Stabilisierung, aber keine signifikante Verbesserung der Prognose
- Regionale Versorgungsunterschiede bleiben bestehen
- Zunehmende Überalterung der Teilnehmerstruktur
Bewertung
Dieses Szenario erscheint derzeit am wahrscheinlichsten, wenn keine umfassenden Reformen erfolgen.
Es bedeutet keinen Zusammenbruch – aber auch keinen Fortschritt.
3. Krisenszenario (Versorgungsfragmentierung)
Grundannahme
Finanzierungsengpässe, Fachkräftemangel und unzureichende Reformen führen zu strukturellem Abbau.
Strukturelle Entwicklung
- Rückgang der Herzgruppen in ländlichen Regionen
- Fehlende ärztliche Betreuung
- Wegfall qualifizierter Übungsleiter
- Digitale Angebote ersetzen Präsenzgruppen unkoordiniert
Medizinische Ausrichtung
- Kaum strukturiertes Monitoring
- Verlust medizinischer Qualitätssicherung
- Erhöhte Rehospitalisierungsraten
Auswirkungen
- Zunahme von Dekompensationen bei Herzinsuffizienz
- Mehr Notaufnahmen
- Steigende Gesundheitskosten
- Verstärkte soziale Ungleichheit
Bewertung
Dieses Szenario wäre gesundheitspolitisch problematisch und volkswirtschaftlich kontraproduktiv und ist nicht ausgeschlossen, wenn Prävention/Rehabilitation weiterhin nachrangig finanziert wird.
Vergleichende Übersicht
| Dimension | Transformation | Stagnation | Krise |
|---|---|---|---|
| Digitalisierung | Voll integriert | Teilweise | Unkoordiniert |
| Finanzierung | Outcome-basiert | Befristet | Erosiv |
| Herzinsuffizienz-Management | Standardisiert | Teilweise | Lückenhaft |
| Psychokardiologie | Integriert | Randständig | Kaum vorhanden |
| Rehospitalisierung | ↓ deutlich | stabil | ↑ steigend |
| Soziale Ungleichheit | Reduziert | unverändert | Verschärft |
Strategisch entscheidende Faktoren
- Reform der Präventionsvergütung
- Integration in Disease-Management-Programme
- Telemedizinische Standardisierung
- Politische Priorisierung chronischer Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Kooperation mit wissenschaftlichen Fachgesellschaften
Fachliche Einschätzung:
Angesichts der demografischen Entwicklung Deutschlands (alternde Bevölkerung, steigende Multimorbidität) wäre ein Stagnations- oder Krisenszenario langfristig nicht tragfähig.
Wenn Deutschland die wachsende Belastung durch Herzinsuffizienz und koronare Herzkrankheit ernst nimmt, müssen Herzgruppen von freiwilligen Ergänzungsangeboten zu strukturell verankerten Versorgungseinheiten weiterentwickelt werden.
Ohne systemische Reform droht der wichtige Präventionspfad weiterhin unterfinanziert zu bleiben – mit entsprechend steigenden Folgekosten im stationären Bereich.